Klette als Heilpflanze – Wirkung und Anwendung der Klettenwurzel

Klette – die unterschätzte Heilpflanze mit der starken Wurzel

Fast jeder kennt ihre Früchte, die sich hartnäckig an Kleidung und Tierfell festhaken. Doch hinter der etwas derben Erscheinung der Klette verbirgt sich eine alte Heil- und Nahrungspflanze. Vor allem die Wurzel der Großen Klette (Arctium lappa) wurde traditionell bei Hautproblemen, vorübergehender Appetitlosigkeit und zur Unterstützung der Harnwege verwendet.

Woran erkennst du die Große Klette?

Die Große Klette gehört zu den Korbblütlern (Asteraceae) und ist eine kräftige, meist zweijährige Pflanze, die eine Höhe von weit über einem Meter erreichen kann.

 

Besonders auffällig sind:

  • die sehr großen, herzförmigen Blätter
  • die auf der Unterseite heller und filzig wirkenden Blätter
  • der kräftige, verzweigte Stängel
  • purpurfarbene, distelähnliche Blütenköpfchen
  • kugelige Fruchtstände mit zahlreichen kleinen Widerhaken
  • eine lange, kräftige Pfahlwurzel

Die Blüten erscheinen meist zwischen Juni und September. Die Große Klette ist in weiten Teilen Eurasiens verbreitet.

Ein Spaziergang, eine Klette, eine Erfindung

Eine kleine Besonderheit der Klette hat sogar Technikgeschichte geschrieben.

Der Schweizer Ingenieur George de Mestral bemerkte nach einem Spaziergang, wie hartnäckig Klettenfrüchte an seiner Kleidung und im Fell seines Hundes hängen blieben. Unter dem Mikroskop entdeckte er die winzigen Haken der Fruchtstände.

Dieses Prinzip inspirierte ihn zu einem Verschlusssystem aus kleinen Haken und Schlaufen – daraus entstand der Klettverschluss.

Die Klette ist damit eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie technische Entwicklungen von der Natur abgeschaut wurden.

Welcher Teil der Klette wird als Heilpflanze verwendet?

In der europäischen Phytotherapie steht vor allem die Wurzel der Großen Klette im Mittelpunkt.

Die Arzneidroge heißt:

Arctii radix – Klettenwurzel

Traditionell wird die Wurzel im Herbst des ersten Vegetationsjahres oder im folgenden Frühjahr geerntet. Zu diesem Zeitpunkt hat die Pflanze besonders viele Reservestoffe in ihrer Wurzel gespeichert.

Neben der Wurzel wurden in verschiedenen traditionellen Heilsystemen auch Blätter und Früchte verwendet. Die europäische EMA-Monographie bezieht sich jedoch ausdrücklich auf die Wurzel von Arctium lappa.

Die wichtigsten Inhaltsstoffe der Klettenwurzel

Zu den charakteristischen Bestandteilen gehören unter anderem:

  • Inulin und andere Fructane
  • Schleim- und Polysaccharide
  • Caffeoylchinasäure-Derivate
  • Phenolcarbonsäuren
  • Polyacetylene
  • verschiedene weitere sekundäre Pflanzenstoffe

Besonders auffällig ist der hohe Anteil an Kohlenhydraten aus der Gruppe der Fructane. Moderne Untersuchungen beschäftigen sich außerdem intensiv mit den Polyphenolen und Polysacchariden der Wurzel.

Wie wird die Klettenwurzel traditionell verwendet?

Für Klettenwurzel besteht eine europäische Pflanzenmonographie.

Die EMA führt die Wurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel für drei Anwendungsbereiche:

Zur Unterstützung der Harnwege

Klettenwurzel wird traditionell verwendet, um die Harnmenge zu erhöhen und dadurch die Harnwege bei leichten Beschwerden besser durchzuspülen.

Dabei ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig.

Bei vorübergehender Appetitlosigkeit

Traditionell wird Klettenwurzel auch bei zeitweilig fehlendem Appetit eingesetzt.

Bei seborrhoischen Hautbeschwerden

Ein weiterer traditioneller Anwendungsbereich sind seborrhoische Hautzustände – also Haut, die beispielsweise zu verstärkter Talgbildung, fettiger Schuppung oder entsprechenden Hautveränderungen neigt.

Wichtig ist dabei: Die EMA stuft diese Anwendungen als traditionell ein. Das bedeutet, dass sie auf einer langjährigen Verwendung beruhen und nicht mit einer durch große klinische Studien eindeutig nachgewiesenen Wirksamkeit gleichgesetzt werden dürfen.

Die Klette als klassische „Hautpflanze“

In der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde besitzt die Klettenwurzel einen besonderen Ruf als Hautpflanze.

Früher wurde sie unter anderem bei:

  • unreiner Haut
  • fettiger Haut
  • Schuppen
  • seborrhoischen Hauterscheinungen

eingesetzt.

Auch moderne Forschungsarbeiten untersuchen entzündungshemmende und immunmodulierende Eigenschaften verschiedener Inhaltsstoffe von Arctium lappa. Die meisten dieser Erkenntnisse stammen bislang allerdings aus Zell- und Tierexperimenten. Für Hauterkrankungen fehlen weiterhin ausreichend gute klinische Studien am Menschen.

Deshalb würde ich die Klette nicht als Mittel gegen Neurodermitis, Psoriasis oder andere chronische Hauterkrankungen bezeichnen. Hier ist die traditionelle Verwendung deutlich besser dokumentiert als eine klinisch bewiesene Therapie.

Ist die Klette „blutreinigend“?

In alten Kräuterbüchern begegnet uns bei der Klette häufig der Begriff blutreinigend.

Damit meinte man früher keine tatsächlich messbare Reinigung des Blutes. Der Ausdruck beschrieb Pflanzen, die traditionell unter anderem:

  • die Ausscheidung unterstützen,
  • die Verdauung anregen
  • oder bei Hauterscheinungen eingesetzt werden.

 

Klettenwurzeltee

Eine traditionelle Zubereitung ist der Tee aus getrockneter Klettenwurzel.

Zutaten

  • 2–6 g getrocknete, geschnittene Klettenwurzel
  • etwa 150–250 ml Wasser

 

Zubereitung

Die Klettenwurzel mit heißem Wasser übergießen und etwa 10 bis 15 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Anschließend abseihen.

Für Erwachsene einen Aufguss aus 2–6 g geschnittener Wurzel bis zu dreimal täglich.

Diese Dosierungsangabe bezieht sich auf die traditionelle arzneiliche Verwendung.

Die Klette in der Küche

Was bei uns eher ungewöhnlich ist, gehört in Japan ganz selbstverständlich auf den Teller.

Dort wird die Klettenwurzel unter dem Namen Gobo als Gemüse angebaut. Die langen Wurzeln werden beispielsweise geschmort oder eingelegt und besitzen einen erdigen, leicht süßlichen Geschmack.

Auch die Royal Botanic Gardens Kew beschreiben die Verwendung der Klettenwurzel in Japan als Lebensmittel.

Die Wurzel zeigt damit sehr schön, dass die Grenze zwischen Heilpflanze und Nahrungspflanze manchmal fließend ist.

Wann wird die Klettenwurzel geerntet?

Für die Wurzelernte eignet sich besonders:

Herbst des ersten Jahres

oder

Frühjahr des zweiten Jahres vor dem Austrieb des Blütenstängels.

Später wird die Wurzel zunehmend faserig und verliert als Küchen- und Arzneipflanze an Qualität.

Beim Ausgraben braucht es übrigens Geduld: Die Pfahlwurzel kann erstaunlich lang werden und bricht leicht ab.

Wo wächst die Klette?

Du findest sie vor allem:

  • an Wegrändern
  • auf nährstoffreichen Ruderalflächen
  • an Hecken
  • an Waldrändern
  • auf Böschungen
  • in der Nähe von Siedlungen
  • auf feuchten bis mäßig trockenen, nährstoffreichen Böden

Die Große Klette mag sonnige bis halbschattige Standorte und ausreichend tiefgründige Böden, in denen sich ihre lange Pfahlwurzel entwickeln kann.

Was ist bei der Anwendung zu beachten?

Klettenwurzel gehört zur Familie der Korbblütler. Menschen mit einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber Korbblütlern sollten deshalb vorsichtig sein.

Für die arzneiliche Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor. Auch für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren empfiehlt die EMA die Anwendung nicht.

Bei einer Anwendung zur Durchspülung der Harnwege muss ausreichend getrunken werden. Treten Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen, Krämpfe oder Blut im Urin auf, sollte ärztlich abgeklärt werden.

Auch anhaltende Hautveränderungen oder länger bestehende Appetitlosigkeit gehören medizinisch abgeklärt.

Was sagt die Forschung zur Klette?

Die Klette wird inzwischen intensiv untersucht.

Labor- und Tierstudien zeigen unter anderem Hinweise auf:

  • entzündungshemmende
  • antioxidative
  • antimikrobielle
  • stoffwechselbezogene
  • immunmodulierende Eigenschaften

Auch Inhaltsstoffe wie Inulin, Caffeoylchinasäuren und verschiedene Lignane stehen im Interesse der Forschung.

Dabei ist jedoch Zurückhaltung wichtig: Viele der oft im Internet genannten Wirkungen – beispielsweise bei Diabetes, Krebs, Rheuma oder chronischen Hautkrankheiten – beruhen überwiegend auf präklinischen Untersuchungen. Gute klinische Studien am Menschen fehlen für viele dieser Anwendungen noch.

Mein Tipp
Wenn du die Klette kennenlernen möchtest, schau dir zuerst eine Pflanze im ersten Jahr an. Sie bildet zunächst nur ihre mächtige Blattrosette und wird leicht übersehen. Erst im zweiten Jahr wächst der hohe Blütenstängel und die bekannten Kletten entstehen. Gerade dieser zweijährige Lebenszyklus macht deutlich, warum die Wurzel traditionell bereits im ersten Herbst gesammelt wird: Noch bevor die Pflanze ihre ganze Kraft in Blüte und Samen steckt, steckt ein großer Teil ihrer Reserven unter der Erde.

Die Klette ist eine Pflanze, an der wir häufig vorbeigehen – oder deren Früchte wir eher genervt von der Kleidung zupfen. Dabei verbirgt sich unter der Erde eine alte Arznei- und Nahrungspflanze. Die Klettenwurzel besitzt eine lange Tradition bei seborrhoischen Hautbeschwerden, vorübergehender Appetitlosigkeit und zur Unterstützung der Harnwege. Moderne Untersuchungen liefern viele interessante Hinweise auf weitere Eigenschaften ihrer Inhaltsstoffe. Doch gerade bei der Klette lohnt es sich, sauber zwischen traditioneller Anwendung, experimenteller Forschung und tatsächlich klinisch belegter Wirkung zu unterscheiden. Vielleicht schaust du deshalb beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin, wenn sich wieder eine Klette an deiner Jacke festhält.

Häufige Fragen zur Klette

Welche Klette wird als Heilpflanze verwendet?

In der europäischen EMA-Monographie wird die Wurzel der Großen Klette (Arctium lappa) beschrieben.

Welcher Teil der Klette wird verwendet?

Arzneilich verwendet wird vor allem die Wurzel – Arctii radix. In anderen traditionellen Heilsystemen wurden auch Blätter und Früchte genutzt.

Wann erntet man Klettenwurzel?

Am besten im Herbst des ersten Jahres oder im zeitigen Frühjahr des zweiten Jahres, bevor die Pflanze ihren Blütenstängel bildet.

Ist Klettenwurzel gut für die Haut?

Klettenwurzel wird traditionell bei seborrhoischen Hautzuständen eingesetzt. Für andere Hauterkrankungen gibt es zwar interessante experimentelle Untersuchungen, aber bislang keine ausreichend gesicherte klinische Wirksamkeit.

Kann man Klettenwurzel essen?

Ja. Besonders in Japan wird die Große Klette als Gemüse angebaut. Dort ist die Wurzel unter dem Namen Gobo bekannt.

Ist Klette dasselbe wie Klettenlabkraut?

Nein. Trotz des ähnlichen Namens handelt es sich um völlig unterschiedliche Pflanzen. Die Große Klette heißt botanisch Arctium lappa, das Klettenlabkraut Galium aparine.

 

 

 

 

Quellen
  • European Medicines Agency (EMA/HMPC): Arctii radix – Arctium lappa L., radix, EU-Pflanzenmonographie und Assessment Report.
  • Royal Botanic Gardens, Kew: Arctium lappa L., Plants of the World Online.
  • Royal Botanic Gardens, Kew: Informationen zur Verwendung der Klettenwurzel als Nahrungsmittel in Japan.
  • Shyam M., Sabina E.P. (2024): Harnessing the power of Arctium lappa root: a review of its pharmacological properties and therapeutic applications.
  • Li Z. et al. (2024): Extraction, structure and bioactivities of polysaccharide from root of Arctium lappa L.: A review.
  • Yang M. et al. (2025): Immunopharmacological potential of Arctium lappa L. in immune-mediated skin diseases: A critical review of experimental and clinical evidence.
  • Gao H. et al. (2020): Untersuchungen zu Caffeoylchinasäure-Derivaten aus der Klettenwurzel.

 

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